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Einordnung der lateinischen Briefe Kaempfers

von Karl August Neuhausen

 

1. Die Zugehörigkeit aller lateinischen Briefe Kaempfers zur gesamten Tradition der lateinischen Literatur der Neuzeit

Der Brief gehört seit dem Beginn des Renaissancehumanismus zu den wichtigsten und interessantesten Gattungen der neulateinischen Literatur.book Wie jeder andere lateinische Text Kaempfersbook stehen daher auch alle seine lateinisch abgefassten Briefe - ebenso wie analog seine drei einzigen zu Lebzeiten gedruckten Werke, die frühen kleineren Traktate (1673 un 1694) und das monumentale Spätwerk, die Amoenitates exoticae (1712)book - in der Tradition der von Petrarcas Zeitalter bis zur Gegenwart reichenden neulateinischen Epoche als der dritten Periode der Gesamtentwicklung der lateinischen Sprache und Literatur.book Für eine Behandlung der lateinischen Briefe Kaempfers gelten somit die gleichen methodischen Grundsätze, wie ich sie bereits in meiner Spezialuntersuchung zu „Sprache und Stil der lateinischen Briefe von Julius Pflug im Lichte seiner Stiltheorie sowie der Charakteristik bei Erasmus”book beachtet und in die Praxis umgesetzt habe.

 

2. Die herausragende Sonderstellung des Briefes Kaempfers an Rudbeck innerhalb des Corpus seiner überlieferten Briefe

Die von Haberland edierte, insgesamt 182 Briefe aufweisende Korrespondenz Kaempfers beginnt mit dem deutsch abgefassten Schreiben, das Kaempfer am 24. April 1683 aus dem finnischen Dorf Malm (bei Helsinki) an I. E. Brunswich sandte, und endet mit Briefen, die spätestens ins vorletzte Lebensjahr Kaempfers (1715) fallen.

Bezogen auf diesen langen - über 30 Jahre umfassenden - Zeitraum des erhaltenen Briefwechsels Kaempfers nimmt folglich der bisher allgemein unbekannte Brief, den der damals erst 31 Jahre alte Kaempfer am 20. Februar 1683 aus Stockholm an Rudbeck als vir clarissimus adressierte, schon aus äußeren Gründen in dreifacher Hinsicht eine singuläre Stellung ein: Es handelt sich nicht nur um den frühesten überlieferten Brief Kaempfers, sondern auch um den einzigen, den er noch vor Antritt der zehnjährigen Reise verfasste, die ihn von Schweden über Persien bis nach Japan führen sollte; zugleich ist also dieses Schreiben Kaempfers an Rudbeck der älteste erhaltene lateinische Brief Kaempfers und verdrängt damit seinen in Moskau vor dem 5. September 1683 an einen - sonst unbekannten - Herrn Wigand expedierten Brief (ep. 27) von dessen bisherigem Rang als des ersten auf uns gekommenen lateinischen Briefes Kaempfers. Vor allem aber ist dem wieder aufgefundenen Brief Kaempfers an Rudbeck deshalb höchster Wert beizumessen, weil er für viele der folgenden lateinischen Briefe Kaempfers bereits seit dem September 1683 grundlegende Bedeutung besitzt und sich zudem auch auf die Gesamtkonzeption der rund drei Jahrzehnte später erschienenen Amoenitates exoticae wesentlich ausgewirkt hat. Es ist deshalb zunächst erforderlich, die bisher bekannten lateinischen Briefe Kaempfers im Kontext seiner gesamten Korrespondenz, wie sie Haberland 2003 herausgegeben hat, genauer zu betrachten.

 

3. Systematische Anordnung und Gruppierung der lateinischen Teile des 2003 edierten Briefwechsels Kaempfers (1683 bis 1715) nach Abfassungszeit, Autoren und Adressaten

Sieht man hier einmal von den fast nur fragmentarisch erhaltenen und nicht genau datierbaren letzten sieben Schreiben in Haberlands Edition der Korrespondenz Kaempfers (Nr. 176-182), die zumeist in die Endphase seines Lebens fallen (ca. 1710-15), als Sonderfällen ab,book sind zuerst folgende - z.T. überraschende - Feststellungen zu treffen:

(a) Erwartungsgemäß ist nahezu die Hälfte der in Betracht zu ziehenden Briefe lateinisch abgefasst, während sich die andere Hälfte auf die in einer Nationalsprache (der deutschen und der niederländischen) geschriebenen Briefe verteilt. (b) Auffällig ist dagegen, dass fast alle lateinischen Briefe der überlieferten Korrespondenz Kaempfers von ihm selbst stammen (insgesamt 66); als der einzige Autor, der lateinische Briefe an Kaempfer adressierte, ist in Haberlands Sammlung Raphael du Mans mit acht in Isfahan verfassten Schreiben vertreten.book Als einen Sonderfall muss man Kaempfers kurzen Auszug aus einem an ihn gerichteten lateinischen Schreiben des jungen Daniel Parvé betrachten (ep. 173).

(c) Dieser statistische Befund ist umso bemerkenswerter, als auch andere Personen, die lateinische Briefe von Kaempfer empfingen und umgekehrt auch ihm Schreiben zukommen ließen (wie insbesondere Herbert de Jager),book durchaus imstande gewesen wären, statt ihrer Muttersprache die lateinische Sprache zu benutzen; warum sie trotzdem dem Deutschen oder dem Niederländischen den Vorzug gaben, mag hier dahingestellt bleiben.book

Raphael du Mans' lateinische Schreiben an Kaempfer nehmen jedenfalls in dessen erhaltenem Briefwechsel eine singuläre Stellung ein und verdienen daher ebenso wie Kaempfers sechs Schreiben an ihnbook eine Spezialerörterung, zumal da in dieser Korrespondenz viele interessante Themen behandelt werden. Hier jedoch kommt es hauptsächlich darauf an, Kaempfers lateinische Briefe als Gesamtheit zu analysieren, um ein möglichst differenziertes Bild zu gewinnen.

 

3.1 Einteilung der lateinischen Briefe Kaempfers von 1683 bis 1711

Die 66 lateinischen Briefe Kaempfers, wie sie Haberland in chronologischer Reihenfolge präsentiert (Nr. 27 bis 175 passim), lassen zwei Hauptgruppen erkennen: (a) die Schreiben, die Kaempfer während seiner Reise von Moskau (1683) über Persien bis nach Japan und zurück in die Niederlande (1694) verfasste, und (b) diejenigen Briefe, die er nach seiner Rückkehr aus Leiden (Holland) in die westfälische Heimat - von 1695 bis 1711 - abgesandt hat.

 

3.1.1 Kaempfers lateinische Schreiben von 1683 bis 1694

Dabei sind wiederum zwei Typen zu unterscheiden: (a) Briefe, die Kaempfer nur in eigenem Interesse und mit seiner persönlichen Unterschrift, (b) Briefe, die er mit Sicherheit oder sehr wahrscheinlich im Auftrag einer vorgesetzten anderen Person verfasst hat. Zur kleineren Gruppe der zweiten Kategorie (b) gehören die lateinischen Schreiben, die Kaempfer teils in seiner amtlichen Funktion als Sekretär der Gesandtschaft des schwedischen Königs in Persien (1683-85), teils als Angestellter der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) aufgesetzt hat: die drei Briefe, die jeweils an Schah Sufi (Nr. 41, 49 und 66) sowie an Scheich Ali Chan (Nr. 60, 65 und 67) gerichtet sind, ferner die unmittelbar aufeinander folgenden Briefe 95-97, die Kaempfer wohl alle im Auftrag von Andreas Cleyer im Dezember 1689 geschrieben hat:book an Michael Bernhard Valentini, Johann Georg Volckamer und Jacob Schmid.

Zur erheblich größeren ersten Gruppe lateinischer Briefe (a), die Kaempfer im Zeitraum der Jahre 1683-1694 ganz unabhängig - aus rein privaten Gründen - verfasst hat, gehören Schreiben an höher gestellte Personen wie an gleichrangige Freunde oder Bekannte. Die meisten der derartigen lateinischen Briefe (6) schickte Kaempfer - wie bereits dargelegt - an den französischen Kapuzinerpater Raphael du Mans in Isfahan, mit dem er in besonders enger Freundschaft verbunden war; ihr Briefwechsel erstreckte sich über fünf Jahre (1684-89). Mit knappem Abstand folgen die fünf lateinischen Schreiben an Justus van den Heuvel (Nr. 36, 47, 69, 70 un 73) sowie die drei lateinischen Briefe an Herbert de Jager (Nr. 48, 86 und 94), Jacob van Dam (Nr. 102, 103, 105 und 119) und Nicolaes Witsen (Nr. 81, 117 und 133); jeweils zwei lateinische Schreiben sind adressiert an Willem van Outhoorn (Nr. 61 und 101), Hendrik van Rhede tot Drakenstein (Nr. 90 und 91) und Pieter Mesdach (Nr. 137 und 143). Als Empfänger nur eines von Kaempfer gesandten lateinischen Briefes sind schließlich zu nennen: Herr Wigand (27), Reÿnier de Casembroot (46), Dr. Vincens (51), Pater Athanasius (52), Wybrand Lycochthon (72), Andreas Cleyer (79), Christoph Pristaf (82), Joannes de Saint-Martin (129), Willem Hovius (138), Joan Hudecooper van Marseveen (144) sowie zwei unbekannte Personen (68 und 89).

 

3.1.2 Kaempfers lateinische Briefe von 1695 bis 1711

Die überlieferten lateinischen Schreiben Kaempfers von 1695 bis 1711 - zwischen der Rückkehr nach Lemgo (1694) und dem Erscheinen der Amoenitates exoticae (1712) - bieten ein relativ einheitliches und trotz der längeren Zeitspanne ein erheblich einfacheres Bild als jene große Menge lateinischer Briefe, die er im Verlaufe seiner zehnjährigen Reise durch ferne Länder (1683-1693) an so viele verschiedene Personen abgesandt hatte: Abgesehen von Kaempfers lateinischem Brief an Zacharias Goeze vom 31. Oktober oder 30. November 1696 (Nr. 156), dem zwischen November 1708 und 1711 möglicherweise an Lorenz Hertel geschickten Schreiben (Nr. 175) sowie dem nach 1694 zu datierenden, sonst aber nicht genauer bestimmbaren Brieffragment (Nr. 182) sind die insgesamt 15 Briefe, die Kaempfer von 1695 bis 1706 - fast ausschließlich von seinem Steinhof in Lieme bei Lemgo - an den jungen Daniel Parvé (1684-1728) sandte,book die einzigen bisher bekannten lateinisch abgefassten Briefe Kaempfers aus den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens. Diese durchweg in lateinischer Sprache verfassten Schreiben Kaempfers an den 33 Jahre jüngeren Parvé stehen somit im Mittelpunkt seiner gesamten erhaltenen Korrespondenz seit 1694 und erfordern angesichts ihrer etlichen wertvollen Informationenbook eine fortlaufende Kommentierung, wie sie vor kurzem Robert W. Carrubba mit einer Interpretation zum zweiten lateinischen Brief Kaempfers an Parvé (Nr. 159) zumindest partiell vorgelegt hat.book


4. Die hier vorgenommene Bestandsaufnahme der lateinischen Korrespondenz Kaempfers und ihre Auswirkungen auf die Interpretation des wiederentdeckten Briefes an Rudbeck

Die skizzenhafte Musterung des gesamten bisher bekannten Briefwechsels Kaempfers zeigt deutlich genug, dass sein bislang unbekannter lateinischer Brief vom 20. Februar 1683 an einen so hervorragenden Gelehrten seiner Zeit wie den fast 20 Jahre älteren Universalgelehrten Olof Rudbeck auf die Gestaltung nur solcher späterer Briefe direkten Einfluss ausüben konnte, die an höherrangige prominente Persönlichkeiten der Wissenschaft (wie eben Rudbeck) oder der Politik, Gesellschaft und anderer Bereiche der öffentlichen Sphäre gerichtet waren. Bei dieser Prämisse scheiden hier folglich als Parallelbriefe von vornherein alle überlieferten lateinischen Schreiben aus, die Kaempfer nach 1694 aus Lieme, Detmold, Herford und Lemgo absandte; denn Zacharias Goeze (Nr. 156), Lorenz Hertel (Nr. 175) und der Anonymus (Nr. 182) waren offenbar gleichrangige Adressaten, und mit dem jungen Daniel Parvé verband Kaempfer schon infolge des großen Altersunterschiedes ein spezifisch nahes und vertrauliches Lehrer/Schüler- oder Vater/Sohn-Verhältnis.

Aus diesen Gründen kommen hier als zu vergleichende lateinische Briefe, die sich unmittelbar auf Kaempfers singulären Brief an Rudbeck zurückführen lassen, allein solche Schreiben in Betracht, die Kaempfer während seiner langen Reise von der Abfahrt aus Schweden bis zu seinem Aufenthalt in Holland (1683-1693) verfasst hat. In der Tat gibt es eine ganze Reihe derartiger Briefe, deren Elemente mit ihren wörtlichen Wiederholungen und/oder sachlichen Übereinstimmungen jeweils bestimmte Passagen des Briefes an Rudbeck voraussetzen. Zur Entlastung der folgenden Einzelerklärungen seien daher einige hier besonders relevante Abschnitte des das Dezennium 1683/93 umfassenden Komplexes des Briefwechsels Kaempfers vorgestellt.

 

4.1 Kaempfers Brief 27 (Moskau, noch vor dem 5. September 1683)

Mit diesem kurzen, knapp acht Zeilen füllenden lateinischen Schreiben, das er ‚Herrn Wigand’ als einer hochrangigen und daher mit superlativischen Attributen präsentierten Persönlichkeit der Politik und Wissenschaftbook ‚untertänig’book überreichte (und das bisher als sein frühester erhaltener lateinischer Brief galt), wollte der junge Kaempfer - wenige Tage vor der Vollendung seines 32. Lebensjahres - als ‚ausgezeichnetes Andenken’ an seinen ‚verehrten Gönner’, den er gemäß der vorangestellten Titulatur mit den elativischen Prädikaten Nobilissime et Amplissime anredet, sowie als glaubwürdiges ‚Zeugnis wechselseitiger Zuneigung’ und Dokument dauerhafter ‚Erinnerung an seine eigene Person’book einer ihnen beiden gemeinsamen idealen Überzeugung mit Emphase Ausdruck verleihen. Tatsächlich dient der kleine Brief keinem anderen Zweck und Ziel, als eine gerade für Kaempfers Grundhaltung als eines profilierten Forschers charakteristische Maxime, wie sie bereits ein halbes Jahr vorher sein programmatischer Brief an Rudbeck hatte erkennen lassen, noch pointierter und mit stärkstem Nachdruck besonders anschaulich und wirkungsvoll in den Mittelpunkt zu rücken.

Kaempfer teilt nämlich die Menschen allgemein in drei Haupttypen ein, indem er ihre wesentlichen Merkmale der Reihe nach konzise kennzeichnet und in Form einer Klimax unterschiedlichen Rangstufen zuordnet. Die niedrigste Stufe dieser Bewertungsskala bildet die Gruppe, welche die Mehrheit der menschlichen Gesellschaft repräsentiert: Plebeius Animus laboris praemium opibus mensurat (‚Der gemeine Geist bemisst den Lohn für die Arbeit nach materiellen Gütern’). Ein höherer Grad der Wertschätzung kommt daher dem zu, der nur ideelle äußere Güter wie Ruhm und Ehre erstrebt; Kaempfer unterstreicht diese Steigerung, indem er die Komparativform des Adjektivs excellens an die Spitze stellt: Excelsior ille est, qui nullam operae suae quaerit carius quam Famae atque Gloriae mercedem [...]. Doch der oberste, durch das erlesene Epitheton prope divinus besonders hervorgehobene Rang gebührt dem Musterbild einer zugleich auf Autarkie beruhenden und altruistisch ausgerichteten glücklichen Lebensführung, einer Konzeption, die Kaempfer hier offenbar in der Absicht entwarf, das von ihm selbst erstrebte Ideal einer rein wissenschaftlich orientierten und damit wahres Glück bringenden geistigen Einstellung in Zukunft stets zu verwirklichen:book Ast ille prope divinus et supra existimationem constitutus est, qui quod industria comparavit, sine praemio atque nomine vendit. Eo enim dum beatus est, quod prodesse potest, non aliunde felicitatem nisi a se ipso possidet („Aber derjenige ist beinahe göttlich und hat eine über jede Bewertung erhabene Haltung, der das, was er mit Fleiß erworben hat, ohne Lohn und Namen preisgibt. Denn indem er dadurch glücklich ist, dass er nützlich sein kann, besitzt er die Glückseligkeit nicht anderswoher als aus sich selbst”).book


4.2 Kaempfers Brief 48 und verwandte lateinische Schreiben

Tritt Kaempfers extrem hohes und anspruchsvolles wissenschaftliches Ethos im prägnanten Wigand-Brief klarer zutage, als es kurz vorher im grundlegenden Schreiben an Rudbeck - trotz dessen beträchtlich größeren Umfangs - möglich war, so schuf Kaempfer mit dem Bittgesuch (petitum), wie es der Rudbeck-Brief aufweist, das prägende Modell für ähnliche spätere lateinische Schreiben, die er während seiner gesamten Reise von Persien über Japan zurück nach Leiden (1684-1693) verfasste und mit denen er sich an dienstliche Vorgesetzte oder andere Höhergestellte wandte, um jeweils bestimmte Ziele zu erreichen. So lassen sich schon die Anfänge etlicher Briefe wörtlich und/oder sachlich auf einzelne Elemente und Motive des programmatischen Schreibens an Rudbeck zurückführen; zitiert seien hier in chronologischer Reihenfolge nur die lateinischen Briefe, die Kaempfer im Juli 1684 aus Isfahan dem Vir Magnificus Reynier de Casembrot als Illustrissimae Societatis Belgicae a Commissis Domino sandte (Nr. 46),book am 3. September 1684 ebenfalls aus Isfahan dem Vir Nobilissimus et Amplissimus Justus van den Heuvel als Illustris Societatis Belgicae Directori a Gamron (Nr. 47),book kurz darauf dem Dr. Vincens als Medicinae Doctori (Nr. 51),book im September 1685 nochmals aus Isfahan dem Scheich Ali Chan als Primo Principi (Nr. 60)book ebenso wie dem Eminentissimus Gubernator Generalis Willem van Outhoorn und der Illustrissimae Societati Belgicae (Nr. 61)book sowie schließlich am 10. Juni 1689 aus Nagapatanam an Hendrik van Rheede tot Drakenstein mit der Anrede Illustris Nobilissime et Excellentissime Commissarie Generalis (Nr. 90),book am 20. Oktober 1690 wiederum an Willem van Outhoorn (Nr. 101),book im Sommer 1691 aus Dejima dem Bürgermeister Nicolaes Witsen in Amsterdam als Praeconsuli Civitatis Amstelodamensis (Nr. 117)book und zuletzt im November 1693 in Leiden seinem verehrten Förderer Pieter Mesdach mit dem Vokativ Nobilissime ac Spectatissime Domine (Nr. 137).book

Solche Parallelstellen verdeutlichen schon zur Genüge, dass Kaempfer das Vokabular und Argumentationsschema, wie er es anscheinend zum ersten Male im Brief an Rudbeck entwickelt hatte, fortan dank seiner vorzüglichen lateinischen Wortkunst und Sprachgewandtheit, die bereits ein so kompetenter Kritiker wie der polyglotte Gelehrte Raphael du Mans im März 1686 als bewundernswert rühmte,book sowie mit den klassischen Hilfsmitteln der rhetorischen Technik der Variation nach Bedarf abwandelte, indem er jenes Muster jeweils den eigenen persönlichen Beziehungen und der individuellen Eigenart der Persönlichkeit, der er einen Bittbrief überreichte, geschickt anpasste und zugleich auf sein konkretes Anliegen angemessen abstimmte.

Das frappanteste Beispiel für Kaempfers direkten Rückgriff auf seinen Brief an Rudbeck bietet indes das erste lateinische Schreiben, das er anderthalb Jahre später - am 3. September 1684 - in Isfahan dem Mann zukommen ließ, der als Universalgelehrter wohl als einziger der Briefpartner Kaempfers das wissenschaftliche Niveau eines Olof Rudbeck erreichte und der als berühmter Rektor der Lateinschule von Batavia offenbar von vornherein wie kaum ein anderer befähigt war, die hohen literarischen Qualitäten eines lateinischen Briefes von Kaempfer zu erkennen und adäquat zu würdigen: Herbert de Jager (1636/37-6.1.1694) - im Gegensatz etwa zu Casembroot, dem Kaempfer zwei Monate vorher gleichfalls einen lateinischen Brief geschickt hatte (Nr. 46), den er aber jetzt - im Verlaufe seines Schreibens an de Jager (Nr. 48) - als ‚amusischen’ und des Lateinischen ganz unkundigen Menschen abqualifiziert, dem daher jener Brief in seine Muttersprache übersetzt werden musste.book

In der Tat reicht schon die erste Hälfte des zitierten lateinischen Briefes an de Jager aus, um die große Tragweite des nunmehr wiederentdeckten Schreibens Kaempfers an Rudbeck gewissermaßen im Nachhinein voll zu ermessen, eignet sich daher in besonderem Maße als Einführung in die folgende Kommentierung des hier vorgelegten Textes und erleichtert zugleich die detaillierten Erläuterungen. Kaempfers erster Brief an de Jager beginnt nämlich mit folgenden aufschlussreichen autobiographischen Aussagen (Nr. 48, 1-22):

Quod homo tibi ignotus circulos tuos praesentibus turbare non vereor, Confidentiam vocabis, non Audaciam. Confidentiam dico, non in illam modo libertatem, quam commune litterarum studium quibuscumque ei litantibus indulget, sed quam maxime in tuam ab Europaeis nostris ac praecipue a Fautore meo colendo Reverendo Patre Raphaele toties depraedicatam Humanitatem et Candorem animi.

Quibus fretus non dubito nunc Tibi mea desideria ea spe et fiducia exhibere, ac si vel coram de Gratia tua bene essem meritus, nullus animi pendens, quin et litteras praesentes et petita mea benevolentia et favore sis excepturus.

Dominum Fabritium novisti, jam secundum ad Russiae Persiaeque Serenissimos Legatum. Hoc duce huc veneram Curiositatis adactus morbo, quo saepe in perniciem nostram agimur iuvenes. Pollicebar mihi, multa lustraturum antiquitatis rudera, vestigia Alexandrina, Naturae prodigia et si quae alia ab Historiis tantopere celebrata, sed non inveni quo desiderium lactari, minus satiari posset, tantum abest ut operae me fecisse pretium existimem, tantos absolvisse et cum pecuniae dispendio emensum esse solitudinem tractus. Decernebam igitur in Indiam Vestram progredi, lustratum quid rariorum ulterior exhiberet Oriens, dummodo id prius obtinerem ut Illustrissimae Societatis Vestrae, tamquam benignissimae Matris protectione viverem, impetrata Physici practici in aliqua Provincia, aut quacumque etiam aliqua functione.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


  • Basis jeder Beschäftigung mit der neulateinischen Briefliteratur, die generell größere Bedeutung hat als die entsprechenden Bereiche der antiken und der mittellateinischen Literatur, bildet nach wie vor das Standardwerk von Jozef IJsewijn und Dirk Sacré, Companion to Neo-Latin Literature, Part II, Literary, linguistic, philological and editorial questions, Leuven 1998, hier: S. 218-228 („Letters”). Zur Ergänzung verweise ich auf den Abschnitt „Brieftheorie und Themenvielfalt” in: Engelbert Kaempfer, Werke. Kritische Ausgabe in Einzelbänden. Herausgegeben von Detlef Haberland, Wolfgang Michel, Elisabeth Gössmann. Bd. 2: Briefe 1683-1715, hrsg. von Detlef Haberland, München 2001, S. 12-18. zurück
  • Vgl. jetzt auch meinen Beitrag: Ultima Orientis Thule Reconsidered. Japan in the Amoenitates exoticae (1712) as the Major Work of the Excellent Neo-Latin Author Engelbert Kaempfer, in: Hans Dieter Ölschleger (ed.), Theories and Methods in Japanese Studies: Current State and Future Developments. Papers in Honor of Josef Kreiner. Göttingen 2008, S. 271-284. zurück
  • Detaillierte Nachweise in meinem Beitrag Ultima Orientis Thule (wie Anm. 2, S. 283/4) sowie in meinen vorigen zwei Abhandlungen zu Kaempfer: (1) Engelbertus Kaempfer als lateinischer Prosaautor - Zum Sprachstil und literarischen Rang der Amoenitates Exoticae (1712). In: Detlef Haberland (Hrsg.), Engelbert Kaempfer (1651-1716) - Ein Gelehrtenleben zwischen Tradition und Innovation. Wiesbaden 2004 (Wolfenbütteler Forschungen; 104), S. 23-76. (2) Engelbert Kaempfer als späthumanistischer Reiseschriftsteller im Spiegel seiner Amoenitates exoticae (1712). In: Gerlinde Huber-Rebenich/Walther Ludwig (Hrsg.), Frühneuzeitliche Bildungsreisen im Spiegel lateinischer Texte. Weimar 2007 (Acta Academiae Scientiarum 7; Humanismusstudien; 2), S. 183-212. zurück
  • Den aktuellen Stand der neulateinischen Forschung repräsentieren die jährlichen bibliographischen Verzeichnisse der „Humanistica Lovaniensia”. zurück
  • In: Elmar Neuß und J. V. Pollet (Hrsg.), Pflugiana. Studien über Julius Pflug (1499-1564), Münster 1990 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte; 128), S. 139-176. zurück
  • Von den deutsch (176, 177, 179 und 181) und lateinisch (180 und 182) geschriebenen Briefen sind lediglich jeweils wenige Bruchstücke lesbar; Brief 178 ist zwar vollständig erhalten, bildet aber insofern ebenfalls einen Sonderfall, als es sich um den einzigen überlieferten Brief der Ehefrau Kaempfers, Sophia Kaempfer, an ihren Mann handelt. zurück
  • Nr. 50, 53, 54, 59, 64, 71, 73 und 75. zurück
  • Zu seinem bedeutsamen Briefwechsel mit Kaempfer s.u. zurück
  • Zum Problem der Sprachwahl im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert vgl. neben meinen in Anm. 3 zitierten Aufsätzen zu Kaempfer jetzt auch meinen Beitrag: Die Gesamtausgabe der Dichtungen Sarbiewskis ‚sumtibus Caroli Godofr. Meyeri’ (Breslau 1753), in: Eckart Schäfer (Hrsg.), Sarbiewski - Der polnische Horaz, Tübingen 2006 (NeoLatina; 11), S. 289-317. zurück
  • Nr. 55, 76, 80, 83, 84 und 93. zurück
  • Nachweise und Belege jeweils im Kommentar von Haberland. zurück
  • Nr. 150, 159, 160, 162 bis 172 und 174. Mit Ausnahme des frühen ersten - vielleicht noch im Dezember 1695 entstandenen - Schreibens an Parvé als puer (Nr. 150) sind alle folgenden lateinischen Briefe Kaempfers an Daniel Parvé vom November 1700 bis zum Dezember 1706 verfasst, und zwar abgesehen von jeweils einem Brief aus Herford (Nr. 160) und Lemgo (Nr. 164) sowie zwei aus Detmold abgesandten Briefen (Nr. 171 und 172) allesamt aus Lieme. zurück
  • Kaempfers besonders aufschlussreiche Aussagen zum lateinischen Prosastil habe ich teilweise schon in meinen in Anm. 3 zitierten Beiträgen ausgewertet. zurück
  • Engelbert Kaempfer's Latin Letter on his Decision to Marry, in: Haberland (wie Anm. 3), S. 243-254. zurück
  • Philotecario, Viro Nobilissimo Ruthenorum Cancellario, Geographo eximio, Domino Wigando ad Christianos Reges Principesque quondam Legato. zurück
  • Typisch für die gegenüber Wigand untergeordnete soziale Position Kaempfers sind seine Ausdrücke summisse und devotissimus Tibi. zurück
  • Insigne tuum Μνημψσ quo alio quam reciproco remunerare potui? quo quid obscure innuam, haud tibi obscurum est, quid clare velim, non est aliud quam ut Tibi, Fautor colende, meum tester affectum, et summisse mente manuque commendem exiguam mei memoriam. zurück
  • Ob und inwiefern sich Kaempfer dabei von bestimmten historischen oder literarischen Vorbildern hat leiten lassen, kann hier nicht erörtert werden. zurück
  • Grammatisch fehlerhaft und sinnwidrig ist Hans Wielands Übersetzung dieses Kernsatzes (bei Haberland, S. 157f.): „[...], indem er nämlich dadurch glücklich ist, daß er nützlich sein kann, weil er die Glückseligkeit nicht von woanders als auch selbst besitzt.” zurück
  • Quod non dubitem praesentibus Tibi molestias facessere, et Tua insignis Humanitas iam ante annos quindecim perspecta et [...] in Causa sunt. zurück
  • Dudum mecum luctatus sum, utrum citra inverecundiae notam te meis litteris compellare auderem? Vicit tandem pudorem insignis Tuae, qua inclaruisti gloriae Humanitatis, et ut scriberem animum addidit. Praecipue cum non dubitarem, si, quo amore artes humaniores olim, eo adhuc favore earum studiose complectaris, quin et faciliori venia praesentes litteras excipias et proniorem petitis meis affectum declaraturus sis. Petam vero a te prolixa magis spe quam epistola, ne impraesentiarum publicis occupatissimo molestias facessam. zurück
  • Nisi pernossem pectoris tui candorem, affectumque erga me tuum, multus in eo essem, ut litterarum et petiti mei audaciam excusarem; nunc vero iis fretus non dubito mea desideria tibi confidenter exponere. zurück
  • Quod Celsitudinem Tuam petito turbem, Tua ultro, qua Regii gaudemus Hospites excusabit Humanitas, et mea quae me impellit necessitas. zurück
  • Inexcusabile Audaciae facinus subirem, quod evolare calamum, homo exiguus, in Vestras excelsas manus facio, nisi scirem, hanc ex solio Humanitatis Vestrae, seu munera seu beneficia expetituris patere semper licentiam. Illa et ego, qua decet submissione fretus, confidenter nec mejora petiturus sum. zurück
  • Audaciae ne credas, sed ingenuae intentionis nisum esse, quo ad aram Celsitudinis Tuae compaream. zurück
  • Purpura Dignitatis Tuae suffunderet mihi verecundiae ruborem, paventi ne temeritas potius quam officii notam subeat, qui publicis tam distentas manus calamo suo audeat turbare. Verum tuo animatum Indultu, in tanto culmine sine exemplo omnibus potentissimae Humanitatis, Tuis insuper Beneficiis in immerente me dudum exstantibus devinctissimum nihil morari potest, quin praesentibus compaream, et pro amplissimo Favore. quo me et batavia delitescere sivisti, et discedentis desiderio gratiose annuisti, immortales gratias [...] et submissionem ad Pedes Tuos reponam. zurück
  • [...] Nam cum intelligam quod tibi tantae Dignitatis Viro Circulos Tuos alieno inductu quondam turbanti, non modo venia temeritatis (: quam dudum magna poenitentia desperabam :) sed et Gratia patuerit, nunc ipso fretus Tuo clementissimo nutu, vel minus peccare mihi videor, vel novi delicti obsequio impetrare veniam posse, si de commoratione mea alium percunctanti, ipsus ego respondeam. zurück
  • Humanitate Tua fretus, et qua me immerentem complecteris, insigni Benevolentia, praesentibus Te turbare audeo [...]. zurück
  • Brief 71, 8f.: Mira Eloquentiae vestrae facundia probe se phrasi persianae accommodat. Inwiefern Kaempfers lateinischer Prosastil auch mit der persischen Redeweise übereinstimmt, vermag ich nicht zu beurteilen. zurück
  • Brief 46, 25-27: Interpellatio enim aliena Viro publicis distractissimo non potuit non esse importuna: quid quod latina Epistola Viro ἀμούσῳ ab alio explicata non potuit modestia sua praecordia movere. zurück

 

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