Die Horaz-Rezeption in der neulateinischen Literatur vom Beginn des 15. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts (Italien - Deutschland - Frankreich)

Das Programm »Trilaterale Forschungskonferenzen« wurde von der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Fondation Maison des Sciences de l’Homme (FMSH) und der Villa Vigoni geschaffen, um die Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Sozialwissenschaftler:innen in Deutschland, Frankreich und Italien zu fördern. Zwischen 2012 und 2014 widmete sich eine Trilaterale Forschungskonferenz unter der Leitung von Prof. Dr. Marc Laureys (Bonn), Prof. Dr. Donatella Coppini (Florenz) und Prof. Dr. Nathalie Dauvois (Paris) der Rezeption der horazischen Dichtung in der neulateinischen Literatur. Im Rahmen des Programms fanden drei Arbeitstreffen in der Villa Vigoni statt, deren Ergebnisse in einem umfangreichen Sammelband veröffentlicht sind.

Projektbeschreibung

Das Werk des Horaz gilt bereits im Mittelalter als »klassisch«. Zu Beginn der Neuzeit wird es dann – vor allem im Zuge der Verbreitung der wichtigsten antiken und humanistischen Kommentare im Druck – zum bedeutendsten poetischen Modell neben Vergil und Ovid. Während das Mittelalter vor allem die ethische Seite des Horazischen Œuvres rezipierte, schätzte die Renaissance Horaz vor allem als Lyriker und Theoretiker, d.h. als Dichter und Dichtungskritiker. Tatsächlich bilden Deutung und Imitation des Horaz den Kern der wichtigsten literaraturtheoretischen Debatten der Neuzeit, die sich um das Verhältnis von natura und ars, von furor und labor, um die Ausdrucksmöglichkeiten des Selbst und um das ewige Wechselspiel von Dichtungstheorie und -erfahrung, von Literaturkritik und dichterischem Schaffen drehen.

Die Rezeption des Horaz manifestiert sich vor allem in der neulateinischen Literatur. Denn Latein diente nicht nur als Sprache in Schulwesen und Bildung, sondern auch in jener idealen res publica litterarum, die ganz Europa verband und die das Fortleben des Latein als gelehrter Verkehrs- und Dichtersprache gewährleistete. Die von der trinationalen Forschergruppe mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland, Frankreich und Italien angestrengte Untersuchung der begrifflichen, formalen und motivischen Rezeption des Horaz in Italien, Frankreich und Deutschland vermag daher einen Beitrag zu leisten, sowohl die Poetik der Renaissance als auch die kulturellen Netzwerke im neuzeitlichen Europa besser zu verstehen.

Forschungsprogramm

Die drei Forschungskonferenzen setzten sich zum Ziel, die Rezeption des Horaz in der neulateinischen Literatur dreier europäischer Kerngebiete, nämlich Italien, Deutschland und Frankeich, zu untersuchen. Nachdem im Mittelalter insbesondere Horazens Satiren und Episteln rezipiert wurden und Horaz vor allem als Moralist wahrgenommen wurde, kam seit Beginn der Renaissance auch das lyrische Œuvre wieder verstärkt in den Blick. Da Horaz im Laufe des Mittelalters einen festen Platz im Lektürekanon des Schulunterrichts erwarb, der ihm weit über das Ende des Untersuchungszeitraums hinaus erhalten blieb, gehörte er auch über diesen Weg zu den repräsentativen Modellautoren der römischen Literatur. Somit entfaltete Horaz eine breite Wirkung in der gesamten, europaweiten Bildungsschicht, die sich unter dem Einfluss des Renaissancehumanismus langsam zu einer internationalen Gelehrtenrepublik (res publica litterarum) entwickelte.

In den Forschungskonferenzen wurden zum ersten Mal auf systematische Weise übergreifende Tendenzen, Entwicklungen und Zäsuren der Horaz-Rezeption in der neulateinischen Literatur der Frühen Neuzeit in ihren literatur-, ideen- und kulturgeschichtlichen Kontexten sowie im transnationalen Vergleich analysiert. In der Untersuchung wurden daher stets zwei Fragenkomplexe im Zusammenhang betrachtet: Zum einen wurden frühneuzeitliche Texte und Traditionen, welche die Beschäftigung mit Horaz dokumentieren, interpretiert, zum anderen wurden die Gründe erforscht, warum Horaz in der Frühen Neuzeit (und noch weit darüber hinaus, ja z.T. sogar bis heute) von so bleibender Faszination war, dass er nicht nur den Status eines antiken Modellautors innehatte, sondern auch als täglicher Lebensbegleiter und Inbegriff sozialer Werte wie Freundschaft und Geselligkeit gewürdigt und geliebt wurde; gerade im Falle des Horaz lohnt es sich, innerhalb seiner Rezeptiongeschichte auch seiner Funktionsgeschichte« nachzugehen und die »pragmatische« Dimension des Umgangs mit ihm zu vertiefen.

Zwischen 2012 und 2014 fanden drei deutsch-italienisch-französische Tagungen in der Villa Vigoni statt. Die inhaltliche Differenzierung folgt den drei erörterten Qualifikationen der Horaz-Rezeption; so war jeweils ein Treffen dem Thema Horatius criticus, Horatius lyricus und Horatius ethicus gewidmet.

Horaz-Manuskript
© British Library, Harley 3510, fol. 2

Leitfragen

Wie lange kann sich die horazische Poetik als unangefochtene Autorität behaupten, angesichts des seit dem 16. Jahrhundert langsam steigenden Einflusses des Aristoteles und Scaligers Kritik an der zu wenig methodischen Darstellung des Horaz? Wie verhalten sich technisch-formale und thematisch-inhaltliche Rezeption des Horaz zueinander? Welche Facetten, z.B., der sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelnden neulateinischen Odendichtung werden als typisch horazisch empfunden? Insgesamt werden neue »Horaze« vor allem in der frühen Renaissance nicht zuletzt an ihrer Meisterschaft in den horazischen Metren gemessen. Welche Rolle spielt die Wirkung des Horaz für das Selbstverständnis des humanistischen Dichters, etwa in seinem Verhältnis zu einem Mäzen oder in seiner Funktion als göttlich inspirierter Seher (in beiderlei Hinsicht mit Implikationen für das Verhältnis von Dichtung und politischer Macht)? Wie hat die Konfessionalisierung der Gesellschaft die Horaz-Rezeption beeinflusst oder bedingt? Die horazische parodia etwa scheint insbesondere im protestantischen Bereich beliebt gewesen zu sein, auch wenn sich im Gegenzug mehrere Jesuiten an dieser Tradition beteiligten. Wie ging man mit dem epikureischen Gedankengut des Horaz jeweils um? Horaz ist verschiedentlich christianisiert, aber auch stoizisiert worden, um sein heterodoxes Potential zu entschärfen. Hat seine klassische Stilkunst dazu beigetragen, dass auch problematische Ideen leichter akzeptiert wurden, im Kontrast etwa zu Lukrez und seinem epikureischen Lehrgedicht?

Publikation

Die Forschungsergebnisse wurden in zwei Teilbänden in der Reihe »Noctes Neolatinae« veröffentlicht:

Non omnis moriar: Die Horaz-Rezeption in der neulateinischen Literatur vom 15. bis zum 17. Jahrhundert / La réception d’Horace dans la littérature néo-latine du XVe au XVIIe siècle / La ricezione di Orazio nella letteratura in latino dal XV al XVII secolo (Deutschland – France – Italia), hg. von Marc Laureys, Nathalie Dauvois and Donatella Coppini, 2 Bde., Hildesheim 2020 (Noctes Neolatinae 35)

Die Teilbände enthalten die Vorträge, die bei der Trinationalen Forschungskonferenz gehalten wurden, welche die drei Herausgeber:innen zum Thema »Die Horaz-Rezeption in der neulateinischen Literatur vom 15. bis zum 17. Jahrhundert (Deutschland – Frankreich – Italien)« in den Jahren 2012–2014 in der Villa Vigoni am Comer See veranstaltet haben. Die Forschungskonferenz setzte sich zum Ziel, die Rezeption des Horaz in der neulateinischen Literatur dreier europäischer Kerngebiete, Italien, Deutschland und Frankreich, zu untersuchen. Es galt, übergreifende Tendenzen, Entwicklungen und Zäsuren der Horaz-Rezeption in der neulateinischen Literatur der Frühen Neuzeit in ihren literatur-, ideen- und kulturgeschichtlichen Kontexten sowie im transnationalen Vergleich zu analysieren.

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